1732 afleveringen
- Vor gar nicht allzu langer Zeit wurde ich im Unterricht gefragt: "Ist Ihnen schon mal ein echtes Wunder passiert?"Und ich habe erst einmal ganz trocken gesagt:"Nein."Die Schülerin, die gefragt hatte, war sichtlich irritiert. Wahrscheinlich hatte sie mit einer anderen Antwort gerechnet.Und ich machte es nicht besser, sondern sagte noch:"Also zumindest nicht so, wie ihr Wunder gerade beschrieben habt. Etwas völlig Unmögliches, Außergewöhnliches, womit niemand gerechnet hat. Wenn das ein Wunder sein soll, dann habe ich so etwas noch nie erlebt."Zu meiner großen Freude gingen sofort mehrere Finger hoch. Andere fragten direkt:"Aber ist es dann für Sie kein Wunder, wenn jemand einen schlimmen Autounfall überlebt?"Und genau da wurde das Gespräch spannend.Denn ich glaube schon an Wunder. Sehr sogar. Und ich glaube auch daran, dass Gott in unserem Leben wirkt. Aber ich glaube nicht an Wunder wie in Zaubershows. Nicht an spektakuläre Einzelmomente, die plötzlich alle Naturgesetze außer Kraft setzen.Wunder sind für mich etwas anderes.Wunder sehe ich dort, wo Menschen trotz Verzweiflung füreinander da sind.Wo jemand bleibt, obwohl Weggehen leichter wäre.Wo Menschen sich gegenseitig tragen, obwohl sie selbst kaum noch Kraft haben.Wunder geschehen dort, wo Verbundenheit stärker ist als Angst oder Einsamkeit.Und eigentlich sind die Wunder in der Bibel oft genau so erzählt. Nicht wie Zauberei. Da gibt es keine magischen Formeln und keine großen Tricks. Stattdessen passiert etwas anderes: Menschen werden angesehen. Berührt. Aufgerichtet. Ihnen wird wieder Hoffnung zugesprochen.Für mich ist genau das das eigentliche Wunder.Dass Menschen wieder in Beziehung treten können. Mit sich selbst. Mit anderen. Mit Gott.Trotz allem, was weh tut. Trotz Leid, Dunkelheit und Verzweiflung.Und vielleicht beginnt genau dort Gottes Wirken. Nicht immer laut und spektakulär. Aber tief und lebensverändernd.
- Manchmal frage ich mich, warum wir so viele verschiedene Schuhe besitzen.Ich habe Sneakers für den Alltag. Laufschuhe, die ich viel zu selten anziehe. Wanderschuhe. Und irgendwo hinten im Schrank stehen sogar hohe Schuhe, die ich eigentlich nur für besondere Anlässe hervorhole.Jeder Schuh passt zu einem anderen Weg.Und vielleicht ist das gar nicht nur bei Schuhen so.Jeder Tag eröffnet neue Wege. Und plötzlich fragt man sich: Wie gehe ich diesen Weg?Mit großen Schritten? Vorsichtig? Selbstbewusst? Oder am liebsten gar nicht?In der Bibel gibt es einen Satz, der mich schon lange beschäftigt. Johannes der Täufer sagt über Jesus:"Ich bin nicht einmal würdig, ihm die Schuhe aufzuschnüren." Damals war das eine Aufgabe für Diener. Wer jemandem die Schuhe auszog oder aufband, machte sich klein.Lange habe ich diesen Satz einfach so hingenommen.Heute höre ich ihn anders.Denn wenn ich auf Jesus schaue, sehe ich keinen Gott, der darauf wartet, dass Menschen sich vor ihm klein machen.Ich sehe einen Gott, der selbst klein wird.Der sich bückt.Der den Staub der Straßen kennt.Der keine Angst davor hat, sich die Hände schmutzig zu machen.Und dann entsteht in meinem Kopf ein ganz anderes Bild. Vielleicht bin nicht ich diejenige, die Jesus die Schuhe aufbindet.Vielleicht kniet er vor mir.Vielleicht bindet Gott mir die Schuhe zu.Nicht, weil ich das alleine nicht könnte. Sondern weil er möchte, dass ich losgehen kann.Dass ich den Mut finde für den ersten Schritt. Für das schwierige Gespräch. Für den neuen Anfang. Für den Weg, den ich mir selbst noch gar nicht zutraue.Ich mag dieses Bild. Bevor ich loslaufe, kniet Gott sich zu mir herunter. Nicht als mächtiger Herrscher von oben herab, sondern ganz nah. Er schaut nicht zuerst darauf, wie weit ich komme. Sondern darauf, dass ich überhaupt losgehen kann.Und vielleicht ist genau das seine Größe.Dass der Mächtigste sich nicht bedienen lässt.Sondern sich bückt, mir die Schuhe bindet und sagt: "Jetzt geh. Ich gehe mit."
- Ich bin mit meinem Auto bisher immer noch überall da hingekommen, wo ich hin wollte oder musste. Also bin ich auch dieser Tage mittags losgefahren zu einem Termin. Unsere kleine Straße ist eine Einbahnstraße und am Ende muss man links abbiegen. Da standen aber zwei Fahrzeuge und die Absperrung für einen Kran. Kein Durchkommen. Der Chef der Firma, die dort gerade ablädt, rät mir drehen und zurückfahren. Aber das ging nicht wegen der engen Einbahnstraße. Dann schaute er sich das Ganze an und sagte ganz locker: "Da passen Sie mit ihrem kleinen Auto durch."Ich bin nicht sehr mutig in solchen Sachen und dachte sofort: Oh ich trau mich nicht. Und, als ob er es gehört hätte ruft er: "Vertrauen Sie mir, ich winke sie durch!" Also habe ich tief Luft geholt und mich ganz auf seine winkenden Hände verlassen und bin nach seinen Anweisungen gefahren und bei gefühlt 10 Millimeter auf jeder Seite tatsächlich da durchgekommen. "Sie fahren 1 A!" hat er mir noch zugerufen und ich habe mich gefreut. Aber mir war klar, ohne sein Winken und ohne mein Vertrauen in seine Fähigkeiten hätte ich das nie geschafft.Ich bin mir sicher, dass das schon viele von Euch auch so erlebt haben: Menschen, die helfen, komplizierte Sachen zu schaffen und durch schwierige Situationen durchzukommen. Menschen, die in ihrer Zeit ihren Mitmenschen Wegweiser geworden sind, feiern wir heute auch dafür. Hedwig von Andechs, die Herzogin von Schlesien, hat zu Beginn des 13. Jahrhunderts dafür gesorgt, dass die Menschen in ihrem Land in Kriegen und Katastrophen versorgt und in Glauben und Leben unterrichtet wurden.Fast 600 Jahre vorher hat Gallus als Mönch und Einsiedler den Glauben im Frankenreich und am Bodensee verkündet und die große Abtei Sankt Gallen steht am Ort seiner Einsiedlerzelle. Und Margareta Maria Alacoque, die im 17. Jahrhundert gelebt und entdeckt hat, dass die Liebe zu Jesus Christus ihr alle Möglichkeiten des Lebens eröffnet, wenn sie wirklich an sein liebevolles Herz glaubt und ihm vertraut. Ihre Formen der Herz-Jesu-Verehrung sind uns heute eher fremd, aber viele ihrer Aussagen sind absolut normal und heutig. Sie sagt einmal: "Beunruhigen Sie sich nicht, sondern haben Sie großes Vertrauen in die barmherzige Güte Jesu!" Da ist es wieder, das Vertrauen in die, die uns helfen, die uns Wege weisen, auf deren winkende Hände wir uns voll und ganz verlassen können.
- Zuhause ist ein sehr dehnbarer Begriff. Wo bin ich denn zuhause? Was ist mein Zuhause? Wir haben im Konvent an der Wohnungstür ein gemaltes Schild mit einem Haus und zwei Worten "Zuhause, zuhause". Eine Mitschwester hat es gemalt und dorthin gehängt um das wirkliche Zuhause zu kennzeichnen. Also nicht mehr das Elternhaus, nicht mehr die Studentenbude aus Studienzeiten, sondern hier bei uns ist ihr wirkliches Zuhause. Und das geht Menschen nicht nur heute so.Elisabeth von Thüringen, die Landesherrin, lebte meist auf der Wartburg, wo es aber, weil es der Herren- und Regierungssitz war, viel zu laut und viel zu militärisch zuging. Ihr erstes Zuhause quasi, seit sie aus Ungarn mit vier Jahren dorthin gebracht und später verheiratet worden war. Ihre drei Kinder bekam sie auf der Creuzburg, die nur eine kurze Strecke von der Wartburg entfernt liegt. Aber ihre allerliebste Burg, also das Zuhause-Zuhause war die Neuenburg, die hoch über dem Städtchen Freyburg an der Unstrut liegt. Sie war die größte Burg der Landgrafen von Thüringen und sehr viel später eine bedeutende Station an der Straße der Romanik.Ich gebe gern zu, dass erst der etwas beleidigte Hinweis eines Freundes, dass wir immer nur zur Wartburg fahren aber die Neuenburg nicht kennen, mich voriges Jahr im Urlaub bewegt hat, dorthin zu fahren und mir nicht nur alles anzuschauen sondern auch zu staunen über den unglaublichen Wechsel der Geschichte, den man darin atmet und die Erkenntnis, dass manche Orte, die nicht so touristisch gepusht worden sind, immer mehr ihre Schönheit zeigen und Begeisterung auslösen. Heute fährt, weil ich davon so begeistert erzählt habe, ein Bus voller Frauen hier aus Olpe dorthin. Sie werden einen erstaunlichen Ort erleben, der mehr als 1000 Jahre alt ist und das Gedenken an die junge Elisabeth von Thüringen, die dort oft viele Monate mit ihren Kindern gelebt hat und den Frieden dieses Ortes sehr geschätzt hat. Diese Frau, die nur 24 Jahre alt geworden ist, hat trotzdem ein Zuhause für sich gefunden, wo sie, wenn auch oft nur für kurze Zeit, glücklich in Ruhe sein konnte.Wo ist dein eigentliches Zuhause-Zuhause? Wo fühlt es sich an, wie ruhige Geborgenheit und Wärme und nachhause kommen? Für viele ist es längst nicht mehr der Ort, wo sie geboren und aufgewachsen sind, sondern dort, wo sie mit Gegebenheiten und Menschen leben, die ihnen guttun. Für unsere Zukunft gibt es dann noch die schöne Zusage Jesu an uns, seine Jüngerinnen und Jünger: "Im Hause meines Vaters gibt es viele Wohnungen und ich gehe hin, um euch dort eine Wohnung zu bereiten"Also dann ein neues wirkliches Zuhause für die Ewigkeit.
- Es gibt so Dinge, da weiß man manchmal nicht so genau: Ist das jetzt geträumt oder ist das Wirklichkeit? Und bei Kindern und Jugendlichen merkt man manchmal, dass beides schonmal etwas durcheinandergerät, wenn sie zu lange in Sozialen Medien scrollen und so besetzt sind von dem, was sie da sehen und hören.In einem Musical aus den 80er Jahren ist das genau der Titel: "Traum oder Wirklichkeit" – Da ist der Franz von Assisi der Frank, der vor dem Spiegel stehend, mit seiner Egozentrik und Zukunftsplanung beschäftigt ist und plötzlich seine Saufkumpel wiedertrifft, der jetzt von Lepra völlig entstellt ist. Da ist die Freundin, die er eigentlich liebt, die aber deutlich zeigt, dass sie kein Liebchen sein will, die er stolz vorführen kann. Und dann ist die heutige junge Frau mit Kopftuch in der Bahn, die angepöbelt und bespuckt wird und wartet, dass ihr jemand beisteht. Und danach die Viktoria, die ihm, dem Frank heute, einen Brief schreibt in dem sie von ihren Träumen von der Kirche erzählt.Heute Abend wird in unserer Olper Mutterhauskirche die letzte der fünf großen Veranstaltungen zu Ehren des heiligen Franziskus stattfinden. Zusammen mit dem Orchester der St. Franziskusschule werden Oberstufenschüler Texte lesen, die sie selbst mehr ins Heute übersetzt haben, um nochmal deutlich zu machen, dass dieser Franziskus nicht nur damals unerhört Neues gelebt und verkündet hat, sondern uns auch heute deutlich den Spiegel vorhalten kann. Ich bin selbst gespannt, wie sie ihre eigenen Ideen umgesetzt bekommen.Es gibt Phasen in jedem Leben, wo jede und jeder von uns immer mal wieder ein wenig genauer in den Spiegel schauen muss. Nicht um Pickel und Unreinheiten der Haut zu sehen, sondern um sich selbst klar zu machen, wie ich heute denke, glaube, handle. Ob es eine Übereinstimmung gibt zwischen meinen schönen Träumen von Kirche, Glaube und funktionierender Gesellschaft und dem, was ich dafür tue oder erbitte.Eine Definition, die mir gelegentlich ins Gedächtnis kommt und mich herausfordert lautet: Wenn Denken, Reden und Tun übereinstimmen, dann hat der Mensch ein reines Herz.
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Mit einem guten Gefühl in den Tag starten: Montag bis Freitag erzählt die Olper Franziskanerin Schwester Katharina von ihren Gedanken über Gott und die Welt. Am Samstag und Sonntag sprechen im Wechsel die Religionslehrerin Vanessa Grbavac und Pfarrer Stefan Wißkirchen. Im Radio um 6.15 Uhr und als Podcast.
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