1712 afleveringen
- Ich hatte eine ältere Cousine, die Lioba hieß. Ich hatte als Jugendliche den Namen nie vorher gehört und fand ihn interessant. Und neuerdings kenne ich hier einige Mädchen und Frauen, die diesen Namen tragen.Ihn trug eine der starken Frauen in der Kirche im 8. Jahrhundert im Frankenreich, also im heutigen mittleren und südlichen Deutschland, die die Art des Kirche-werdens im frühen Mittelalter sehr geprägt hat. Lioba wird in Wessex in England um 705 geboren und einer der Verwandten der Familie ist der spätere Bonifatius, der Apostel der Deutschen. Die Eltern des kleinen Mädchens sind so glücklich über dieses einzige Kind, dass sie es Gott weihen und zur Bildung und Erziehung in ein Benediktinerinnenkloster geben. Um 735 folgte Lioba der Bitte des Bonifatius um ihr Mitwirken; er hoffte, mit den gebildeten angelsächsischen Ordensfrauen sein Missionswerk zu veredeln. Er begann um Würzburg und in Thüringen Frauenklöster einzurichten, einen Vorposten bildete das Kloster Tauberbischofsheim. Bonifatius berief Lioba zur Äbtissin dieses Klosters und als Leiterin der übrigen von ihm gestifteten Klöster. Besonders widmete sie sich der Erziehung von Frauen und Töchtern des Adels. Auch Lioba selbst gründete in den folgenden Jahren mehrere Klöster. In Tauberbischofsheim richtete sie eine Klosterschule ein, in welcher der Lehrerinnennachwuchs für die neu gegründeten Klöster seine Ausbildung erhielt. Lioba also, eine kluge und weitsichtige Frau, die Planen und Bauen, Gründen und Lehren, mit Beten und Singen, mit Lesen und Leben aus dem Evangelium verbunden hat. Sie hat ein Werk geschaffen, das bis heute gültig ist: Mädchen und jungen Frauen zu Bildung und Ausbildung zu verhelfen, das umliegende Land zu kultivieren und im Kontakt zu den Herrschern ihrer Zeit als besonders gütig zu dem Armen bekannt zu sein. Sie hat große Klöster gegründet und geleitet und hatte in der Kirche ihrer Zeit eine hoch angesehene Stellung. Der heilige Bonifatius, der Apostel der Deutschen, hat erkannt, dass nur Frauen und Männer zusammen diese Kirche gestalten und glaubwürdig das Evangelium Jesu Christi zu den Menschen bringen können.
- Wenn du einmal groß bist! Sicher haben viele von uns diesen Satz schon als Kind gehört. Wenn du einmal groß bist, dann darfst du alles, dann kannst du die Welt erobern, dann wirst du Großes leisten. Groß sein, das klingt nach Erfolg, macht Bedeutung.Deshalb bezeichnen wir bestimmte Menschen als die Großen: Herrscher, Feldherren oder auch Heilige. Und doch fällt auf: Die wirklich Kleinen sind selten. Eine Ausnahme ist die kleine Therese von Lisieux, die wir in den nächsten Tagen feiern werden.Man nennt sie bis heute liebevoll die kleine Theresia. Ihr Leben war kurz, verborgen, unscheinbar. Kein großes Werk, keine spektakulären Taten und doch gehört sie zu den größten Gestalten der Kirche.Ihr Weg heißt der Kleine Weg, ein Weg der Hingabe, des Vertrauens und der Liebe im Alltag. In uns steckt oft der Wunsch, groß zu sein, alles im Griff zu haben. Manchmal führt das dazu, dass wir Gott verlieren.Therese wählte einen anderen Weg. Sie sagt: ich bin ein Kind Gottes, nicht stark aus mir selbst, sondern angewiesen, anhänglich, vertrauend. Christlich nennt man das Demut, nicht als Schwäche, sondern als innere Stärke. Diese Haltung zeigt sich in kleinen Gesten, etwa im Umgang mit einer alten, kranken Mitschwester, eine schwierige Frau, unzufrieden, fordernd. Therese übernimmt freiwillig den Dienst an ihr, nicht aus Sympathie, sondern aus Liebe, still und ohne Applaus. Sie selbst schreibt: Ich bin eine sehr kleine Seele, die Gott nur sehr kleine Dinge anbieten kann, das Geringste ist wertvoll in seinen Augen. Das erinnert mich an den sogenannten Schmetterlingseffekt:Ein kleiner Flügelschlag kann große Folgen haben, was aus kleinen Gesten geworden ist, zeigt die Wirkung ihres Lebens. Mutter Theresa von Calcutta trug ihren Namen; Menschen finden bis heute durch ihr Buch zum Glauben. Kurz vor ihrem Tod erlebte Therese eine tiefe Dunkelheit, Zweifel, Leere.Der Theologe Thomas Halik sieht darin eine Nähe zu Jesu Ruf am Kreuz: Mein Gott, mein Gott, warum hast du mich verlassen? Der Glaube bleibt fragil, aber die Liebe bleibt. Und genau das macht Therese groß: Nicht Macht, nicht Leistung, sondern Liebe bis zuletzt.Und so konnte die große Mitschwester, die heilige Edith Stein, einmal sagen, ich kenne nichts Größeres als Therese von Lisieux. Vielleicht beginnt wahre Größe genau dort, wo wir aufhören, groß sein zu wollen und anfangen, im Kleinen zu lieben.
- Wir erschrecken uns oft vor dem, was wir nicht verstehen, vor allem auch vor dem Leid, vor der Ohnmacht, vor dem, was uns überfordert. Doch gerade darin offenbart sich eine besondere Wirklichkeit. In der Bibel begegnet uns ein Mensch, der leidet, dem das Leben zu entgleiten droht. In ihm ist nicht ein guter, lebenspendender Geist vorherrschend, sondern etwas, das ihn an den Rand des Todes führt, ein unreiner Geist. Die alten Autoren nannten ihn Dämon, was man auch mit Zerteiler übersetzen kann. Es geht dabei nicht um Fantasiegestalten, sondern um die Wirklichkeit des Leidens, die wir oft nicht mit Worten begreifen können.Jesus aber spricht in solcher Situation mit Vollmacht. Das griechische Wort dafür, exousia, bedeutet Freiheit, Freiheit zu wirken, zu verfügen, zu bestimmen. Macht verträgt sich nicht mit Ohnmacht, könnte man meinen. Und doch zeigt gerade die göttliche Vollmacht in Jesus: Freiheit kann sogar mitten in der Ohnmacht wirken. Am Kreuz wird das sichtbar. Paradoxerweise ist die Macht Gottes gerade im scheinbaren Verlust wirksam.Das Heil, das Jesus wirkt, ist kein Entrinnen aus der Welt, keine Flucht vor den Problemen. Es ist die Kraft, mitten im Schmerz und in der Zerbrochenheit den Weg der Heilung zu gehen. Emotionen, Leid, Angst, all das sind keine Hindernisse, sondern Hilfen, um uns in die Welt einzufügen, um zu erkennen, wo unsere Kraft liegt.Sie zeigen uns, wie wir auf das Leben reagieren können. Es gibt Wege, sich der Wirklichkeit des Leidens zu stellen, sich an Stärken erinnern, an Erfolge, die man erlebt hat, den Blick auf das Naheliegende lenken, Schritt für Schritt die Zukunft nicht aus den Augen verlieren und in all dem immer wieder die Nähe Gottes zu suchen. Thomas von Aquin, der hier in Köln gelebt hat, sagte einmal: "Es ist unmöglich, dass ein Mensch gut ist, außer es steht im rechten Bezug zum gemeinen Wohl."Gottes Vollmacht wirkt in uns und durch uns. Sie befreit uns von der Ohnmacht, verbindet Heilung mit der Realität des Lebens und macht uns fähig, uns einzufügen in Gottes Welt, zum Wohl der Menschen, in unsere eigenen Probleme, ohne die anderen aus dem Blick zu verlieren. Und so, so wird sichtbar: Heilung geschieht nicht, weil Probleme verschwinden, sondern weil die Kraft Gottes mitten hineintritt und neues Leben ermöglicht.
- Ein sehr erfolgreicher Mann heiratet ein junges Mädchen und gründet Hof und Familie. Er ist als Ratsherr und Richter viel unterwegs, muss auch als Soldat seinem Kanton dienen und überlässt seiner jungen Frau immer mehr Aufgaben in Feld und Landwirtschaft, mit Vieh und Dienstleuten. Sie bekommen 10 Kinder und leben 18 Jahre in glücklicher Ehe. Alles in bester Ordnung also. Aber dann wird der Mann immer unruhiger, immer verschlossener, seiner Frau immer fremder. Er betet und fastet viel und berät sich mit einem langjährigen Freund. Und dann geht er zu seiner Frau und bittet sie, ihm ein zweites Mal ihr Ja zu geben. Beim ersten Mal, bei ihrer Hochzeit, und nun ein zweites Mal, um von ihr weg zu gehen und Gott zu dienen. Und nach langen Wochen gibt seine Frau Dorothea ihm, dem geliebten Nikolaus von der Flüe ihr großes JA zu seinem neuen Weg.Durch ihren Verzicht und ihr, jetzt wirklich schwierigeres Leben, wird sein neues Leben möglich. Er wird zum Einsiedler und gleichzeitig Berater vieler Menschen. Er, der jetzt wieder ausgeglichen und froh leben kann, wird zum großen Friedensstifter der Schweiz, zu ihrem Patron und zum großen Vorbild. Der Weg dieser beiden Menschen ist sehr ungewöhnlich und beide, sind nur Miteinander und Füreinander zu denken. In einer Bronzeplastik werden beide, Nikolaus und Dorothea gezeigt, wie sie das Radbild halten und darin verbunden sind. In diesem Radbild weisen Strahlen den Weg in die Mitte und damit auf den Grund aller Dinge. Gleichzeitig führen sie in die Weite, hinein in Aktion und Engagement. Klaus hat die beiden Dimensionen dieses Bildes gelebt und seine Frau Dorothea, auf ganz andere Weise, ebenso. Und auch nur von beiden zusammen ist das Gebet des Nikolaus von der Flüe zu verstehen und zu beten:Mein Herr und mein Gott, nimm alles von mir, was mich hindert zu dir!Mein Herr und mein Gott, gib alles mir, was mich fördert zu dir!Mein Herr und mein Gott, nimm mich mir und gib mich ganz zu Eigen dir! Amen
- Bei einer unserer zuletzt verstorbenen Mitschwestern lagen im Stundenbuch viele handgeschriebene kleine Zettel mit Bibeltexten und eigenen kleinen Gebeten. Da viele unserer Schwestern sehr alt werden, ist die Handschrift oft noch sehr der alten Sütterlinschrift ähnlich, die heute nur noch wenige Menschen wirklich schreiben und noch viel weniger Menschen fließend lesen können. Und so ist es natürlich auch mit den Texten, deren Formulierungen zeitbedingt, deren Inhalte aber meist zeitlos sind. Auf diesem A5 Blatt stehen zwei Dinge. Zunächst eine Zeile aus dem Römerbrief: „Wer vermag uns zu scheiden von der Liebe Christi?“und dann ein vielleicht selbstformuliertes Gebet:„Mein Anfang und mein Ende leg ich in deine Hände, Vater, steh mir gnädig bei, dass mein Werk gesegnet sei“Und je länger ich das so sehe und lese und die alte Schwester vor Augen habe, desto mehr fällt mir auf, in welch tiefem Zusammenhang diese beiden kleinen Texte stehen.Wer in den zwanziger Jahren des vorigen Jahrhunderts geboren ist, hat als Kind und Jugendliche die Zeiten zwischen den Weltkriegen, den Nationalsozialismus und die Schrecken des zweiten Weltkrieges erlebt, die Not- und Hungerjahre direkt danach und den Kampf der Familien ums Überleben, die Teilung des Landes, Flucht und Vertreibung und die unglaubliche Zähigkeit vieler Menschen, die unser Land wieder aufgebaut haben. Und in all dem steht diese Zeile aus dem Römerbrief: Was kann uns scheiden von der Liebe Christi? Anscheinend ja nicht so viel, denn sie sind dann in die Ordensgemeinschaft eingetreten und haben Jahrzehnte im Dienst an den Mitmenschen, den Kindern, Kranken und Alten, den eigenen Mitschwestern und den Kirchengemeinden gestanden und die Liebe Christis gelebt und weitergetragen. Und wenn man dann aus vielen Erzählungen weiß, durch welche Höhen und Tiefen sie gegangen sind, dann versteht man, dass sie das alles konnten, weil sie jeden ihrer Tage ihrem Gott in die Hände gelegt und vertrauensvoll all das gelebt und getan haben, was einfach dran war. Dann verstehe und bestaune ich dieses kleine Gebet und mir wird deutlich, welche Kraft und welches Vertrauen darin für sie gelegen hat.„Mein Anfang und mein Ende, leg ich in deine Hände, Vater steh mir gnädig bei, dass mein Werk gesegnet sei“
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Mit einem guten Gefühl in den Tag starten: Montag bis Freitag erzählt die Olper Franziskanerin Schwester Katharina von ihren Gedanken über Gott und die Welt. Am Samstag und Sonntag sprechen im Wechsel die Religionslehrerin Vanessa Grbavac und Pfarrer Stefan Wißkirchen. Im Radio um 6.15 Uhr und als Podcast.
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