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Annik Rubens
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    Flucht aus der DDR – SG 315

    20-1-2026 | 9 Min.
    Heute habe ich wieder ein Thema aus der deutschen Geschichte mitgebracht, wobei das noch gar nicht so lange her ist. Ich möchte über die Flucht aus der DDR sprechen.

    Nach dem Zweiten Weltkrieg wurde Deutschland wie du wahrscheinlich weißt in vier Besatzungszonen geteilt. Die Gewinner USA, UdSSR, Frankreich und Großbritannien teilten sich das Land auf. Aus diesen Zonen entstanden später zwei Staaten: die Bundesrepublik Deutschland im Westen und die Deutsche Demokratische Republik im Osten. Das war eine große Umstellung für die Menschen, das können wir uns alle vorstellen. Viele Menschen verließen in den ersten Jahren die DDR und gingen in den Westen. Zwischen 1949 und 1989 sollen das insgesamt rund 3,8 Millionen Menschen gewesen sein. Um das zu stoppen, baute die DDR im Jahr 1961 die Berliner Mauer. Sie trennte Ost- und West-Berlin und wurde im Laufe der Zeit immer stärker gesichert.

    Warum wollten die Menschen fliehen? Vor allem, weil sie Freiheit wollten. Die DDR war ein diktatorisches Regime. Man wollte den realen Sozialismus aufbauen, an sich eine gute Idee und das hat auch in Teilen funktioniert. Aber eben nur in Teilen. Die Menschen durften den Staat oder die Regierung nicht offen kritisieren, es gab also keine Meinungsfreiheit. Die Staatssicherheit, kurz Stasi, bespitzelte Menschen. Das bedeutet, dass sie sie ausspionierte. Also heimlich überwachte. Man fühlte sich also ständig überwacht und beobachtet. Es gab auch keine Reisefreiheit. Oft entschied der Staat auch über die Berufswahl der Menschen, man durfte also nicht immer den Weg gehen, den man eigentlich gehen wollte.

    Viele reisten dennoch legal aus, unter bestimmten Umständen war das möglich. Der Rest war sozusagen eingesperrt. Wer raus wollte, musste fliehen.

    So, wie können wir uns die Teilung Deutschlands, also vor allem die Mauer, vorstellen? Ich war leider nie vor der Wiedervereinigung in Berlin. Ich war 13, als die Mauer fiel. Aber natürlich kenne ich die Teile der Mauer, die heute noch stehen und ein Denkmal sind. Die Mauer bestand allerdings nicht nur aus Beton. Es gab Zäune, Gräben, Wachtürme, Scheinwerfer und bewaffnete Grenzsoldaten. Auch an der ganzen innerdeutschen Grenze zwischen DDR und Bundesrepublik gab es ähnliche Anlagen. Fluchtversuche waren lebensgefährlich. Viele Menschen wurden entdeckt, verhaftet oder sogar erschossen. Trotzdem versuchten immer wieder Menschen zu fliehen, auf ganz unterschiedliche Weise. Etwa 140.000 bis 150.000 Menschen schafften es in dieser Zeit zu fliehen.

    Einige Menschen versuchten ihre Flucht über die Luft. Diese Versuche nennt man heute „Mauerflüge“. Sie waren besonders riskant, weil der Luftraum streng kontrolliert war. Die DDR überwachte den Himmel mit Radar und hatte eine Flugabwehr. Normale Bürger durften keine Flugzeuge besitzen oder frei fliegen. Trotzdem fanden einige Menschen kreative Lösungen.

    Ein sehr bekannter Mauerflug fand zum Beispiel im Jahr 1979 statt. Zwei Familien aus Thüringen bauten in ihrer Freizeit einen großen Heißluftballon. Sie nähten dafür Stoffbahnen zusammen und konstruierten einen Brenner. In einer Nacht starteten sie dann mit acht Personen an Bord. Der Ballon stieg hoch genug, um die Grenze zu überqueren, und landete schließlich in Bayern, also in Westdeutschland. Diese Flucht wurde später weltweit bekannt. Sie zeigte, dass auch einfache Materialien und viel Planung zu einer erfolgreichen Flucht führen konnten. Aber was für einen Mut diese Menschen haben mussten! Es gibt übrigens auch einen Spielfilm zu diesem Thema, er heißt „Ballon“ und ist von 2018.

    Neben Heißluftballons gab es auch andere Fluggeräte, die zur Flucht verwendet wurden. Manche Menschen nutzten kleine Motorflugzeuge oder Ultraleichtflugzeuge. In einzelnen Fällen starteten sie von improvisierten Plätzen in der DDR und flogen sehr niedrig, um nicht vom Radar entdeckt zu werden. Das war extrem gefährlich, denn ein technischer Fehler oder schlechtes Wetter konnte tödlich sein. Außerdem drohten bei Entdeckung lange Haftstrafen.

    Insgesamt waren aber Mauerflüge natürlich sehr selten im Vergleich zu anderen Fluchtarten. Die Menschen sind eher durch Tunnel geflohen oder mit gefälschten Papieren. Aber die Mauerflüge bekamen viel Aufmerksamkeit, weil sie so spektakulär waren.

    An dieser Stelle muss ich aber auch erwähnen, dass es viele Menschen nicht geschafft haben, zu fliehen. Es ist nicht so leicht, verlässliche Zahlen zu finden, gesichert sind wohl 140 Menschen, die den Fluchtversuch über die Berliner Mauer nicht überlebt haben. Sie wurden entweder von Grenzsoldaten erschossen oder sie ertranken in der Spree. Rund 500, manche gehen auch von doppelt so vielen aus, starben an der Grenze der DDR zur BRD. Und das nur, weil sie ihre Freiheit wollten und dort leben, wo sie selber es wollten. Das kommt uns doch irgendwie bekannt vor, oder?

    Noch ein Schlüsselwort, das du in diesem Zusammenhang kennen musst: Republikflucht. So bezeichnete man damals die Flucht aus der DDR. Wenn du die Wörter in diesem Text nicht verstehst, dann schlag sie bitte nach. So vergrößerst du deinen Wortschatz mit jeder Episode Slow German. Oder werde Premium-Mitglied, das geht auf Patreon oder auf slowgerman.com, dann bekommst Du zu jeder Episode eine Vokabelliste Deutsch-Englisch und dazu noch Lernmaterial. Bis zum nächsten Mal!

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    Rosa Luxemburg – SG 314

    06-1-2026 | 9 Min.
    Heute stelle ich dir wieder eine wichtige Person aus der deutschen Geschichte vor. Es geht um eine bedeutende Frau: Rosa Luxemburg. Hast du ihren Namen schon einmal gehört?

    Rosa Luxemburg war eine politische Denkerin und Aktivistin. Sie lebte am Ende des 19. und zu Beginn des 20. Jahrhunderts. In dieser Zeit hatten viele Menschen in Europa große soziale Probleme. Viele Arbeiterinnen und Arbeiter waren arm und mussten unter schlechten Bedingungen leben. Gleichzeitig wuchsen die Industrie und die Städte sehr schnell. Rosa Luxemburg beschäftigte sich ihr ganzes Leben mit Fragen von Gerechtigkeit, Demokratie und Frieden.

    Rosa Luxemburg wurde 1871 im heutigen Polen geboren. Damals gehörte diese Region zum Russischen Reich. Ihre Familie war jüdisch. Schon als Kind war Rosa sehr klug und wissbegierig. Sie lernte früh lesen und schreiben. Mit etwa fünf Jahren wurde sie schwer krank. Ein Jahr lang musste sie im Bett bleiben. In dieser Zeit las sie sehr viel und lernte noch mehr. Ganz gesund wurde sie danach nicht mehr. Sie hatte ihr Leben lang Probleme beim Gehen. Trotzdem gab sie nicht auf.

    Schon als junge Frau interessierte sich Rosa Luxemburg stark für Politik. Sie trat noch als Schülerin einer marxistischen Gruppe bei und las die Texte von Karl Marx. In Polen gab es damals wenig Freiheit. Menschen mit kritischen Meinungen wurden verfolgt. Deshalb musste Rosa Luxemburg das Land verlassen. Sie ging in die Schweiz, um dort zu studieren. In Zürich studierte sie mehrere Fächer, zum Beispiel Philosophie, Geschichte und Wirtschaft. Zu dieser Zeit war es für Frauen noch sehr ungewöhnlich, an einer Universität zu studieren.

    In der Schweiz lernte Rosa Luxemburg viele andere Sozialisten kennen. Sie war der Meinung, dass der Kapitalismus viele Menschen benachteiligt. Arbeiterinnen und Arbeiter sollten ihrer Ansicht nach mehr Rechte haben. Sie glaubte, dass es echte Demokratie nur geben kann, wenn es auch soziale Gerechtigkeit gibt. Wichtig war ihr, dass Menschen selbst denken und eigene Entscheidungen treffen. Sie lehnte blinden Gehorsam und Gewalt durch den Staat ab. Sie war gegen den Zarismus, gegen den Kapitalismus und gegen monarchische Herrschaftsformen in Europa.

    Später zog Rosa Luxemburg nach Deutschland. Sie ging eine formale Ehe ein, um die deutsche Staatsbürgerschaft zu bekommen. In Deutschland arbeitete sie in der Sozialdemokratischen Partei Deutschlands (SPD). Sie schrieb viele Texte und hielt Reden vor großen Gruppen. Oft kritisierte sie dabei auch ihre eigene Partei. Sie meinte, dass kleine Reformen nicht ausreichen, um die Gesellschaft wirklich zu verändern. Gleichzeitig war sie auch gegen schnelle und gewaltsame Revolutionen. Sie glaubte an die Stärke der vielen Menschen, aber auch an Freiheit und offene Diskussionen. Wegen ihrer Reden gegen Krieg und Monarchie wurde sie mehrmals verhaftet und kam ins Gefängnis.

    Der Frieden war für Rosa Luxemburg besonders wichtig. Als 1914 der Erste Weltkrieg begann, unterstützten viele Parteien den Krieg. Rosa Luxemburg war entschieden dagegen. Sie nannte den Krieg ein großes Verbrechen. Wegen ihrer Haltung wurde sie wiederholt ins Gefängnis gebracht. Auch dort schrieb sie Briefe und politische Texte. In ihren Briefen sieht man, wie sehr sie die Natur liebte und wie viel Mitgefühl sie für Menschen und Tiere hatte.

    Während des Krieges gründete sie zusammen mit Karl Liebknecht den Spartakusbund. Diese Gruppe kämpfte gegen den Krieg und gegen die alte politische Ordnung. Nach dem Ende des Krieges im Jahr 1918 veränderte sich Deutschland stark. Der Kaiser musste abdanken, und viele Menschen hofften auf mehr Demokratie und bessere soziale Rechte.

    In dieser Zeit war Rosa Luxemburg an der Gründung der Kommunistischen Partei Deutschlands (KPD) beteiligt. Sie wollte eine sozialistische Gesellschaft mit Meinungsfreiheit und freien Wahlen. Sie warnte davor, Zeitungen zu verbieten oder andere Meinungen zu unterdrücken. Für sie war klar: Freiheit muss auch für Menschen gelten, die anders denken. Ihr wohl bekanntestes Zitat ist: „Freiheit ist immer die Freiheit der Andersdenkenden, sich zu äußern.“

    Im Januar 1919 kam es in Berlin zu schweren Kämpfen, heute bekannt als Spartakusaufstand. Hier entwickelten sich revolutionäre Massendemonstrationen der Linken hin zu bürgerkriegsähnlichen Straßenkämpfen mit Regierungstruppen. Viele Menschen starben. Rechte Freikorps ermordeten Rosa Luxemburg und Karl Liebknecht am 15. Januar 1919, weil sie als Anführer galten. Ihr Tod erschütterte viele Menschen in Deutschland und darüber hinaus. Eine Million Menschen sollen an Rosa Luxemburgs Beerdigung teilgenommen haben.

    Rosa Luxemburg hinterließ zahlreiche Texte und Briefe. Bis heute werden ihre Schriften gelesen und diskutiert. Manche Menschen bewundern sie, andere lehnen ihre politischen Ideen ab. Sicher ist jedoch: Sie war eine der bekanntesten politischen Denkerinnen ihrer Zeit. Und jedes Jahr im Januar gedenken die Menschen Rosa Luxemburg und Karl Liebknecht in Berlin bei einer großen LL-Demo.

    Text der Episode als PDF: https://slowgerman.com/folgen/sg314kurz.pdf
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    Die Justiz in Deutschland – SG 313

    23-12-2025 | 13 Min.
    Mit Anfang 20 habe ich bei einer Zeitung gearbeitet. Eine meiner Aufgaben war es, über Gerichtsverfahren zu berichten. Ich bin also zum Amtsgericht gegangen, habe mich in eine Verhandlung gesetzt und zugehört. Danach habe ich darüber einen Artikel geschrieben. Ich fand diese Termine immer besonders interessant. Wieso begehen Menschen Straftaten? Was bringt sie dazu? Heute geht es also um die Justiz in Deutschland.

    Die Justiz in Deutschland kümmert sich um Recht und Gerechtigkeit. Sie soll dafür sorgen, dass Konflikte friedlich gelöst werden und dass sich alle an die Gesetze halten. Trotzdem besteht die Justiz nicht nur aus strengen Richtern, sondern aus vielen verschiedenen Personen mit unterschiedlichen Aufgaben.

    Zunächst mal ein Blick zurück. Schon sehr früh in der Geschichte gab es in den deutschen Gebieten Regeln und Gerichte. Im Mittelalter hatten Könige, Fürsten und Städte ihre eigenen Gerichte. Oft war Recht damals nicht gleich Recht. Arme Menschen hatten schlechtere Chancen als reiche. Manchmal entschieden auch Aberglaube oder Macht über Schuld oder Unschuld. Es gab zum Beispiel Gottesurteile. Dabei musste eine Person eine schwere Prüfung bestehen, etwa über glühende Kohlen laufen. Überlebte sie, galt sie als unschuldig. Aus heutiger Sicht wirkt das sehr grausam und unfair.

    Im 19. Jahrhundert änderte sich vieles. Es entstanden moderne Gesetze, und der Staat übernahm mehr Verantwortung. Nach der Gründung des Deutschen Reiches im Jahr 1871 wurden viele Regeln vereinheitlicht. Gerichte arbeiteten nach festen Verfahren, und Urteile sollten besser begründet sein. In der Zeit des Nationalsozialismus wurden Gerichte missbraucht. Viele Richter folgten der Politik und sprachen ungerechte Urteile. Nach dem Zweiten Weltkrieg war deshalb klar: Eine neue, unabhängige Justiz ist sehr wichtig.

    Heute basiert die Justiz in Deutschland auf dem Grundgesetz. Darin steht, dass alle Menschen gleich sind vor dem Gesetz. Richter sind unabhängig. Das bedeutet, sie dürfen keine Befehle von der Politik annehmen. Sie sollen nur nach dem Gesetz und nach ihrem Gewissen entscheiden. Das ist ein zentraler Gedanke des Rechtsstaates.

    In einem Gerichtsverfahren gibt es verschiedene Rollen. Der Richter oder die Richterin leitet die Verhandlung und spricht am Ende das Urteil. Richter haben lange studiert und eine spezielle Ausbildung gemacht. Sie sollen ruhig bleiben und beide Seiten anhören. In manchen Verfahren sitzen neben dem Richter auch Schöffen. Schöffen sind normale Bürgerinnen und Bürger ohne Jura-Studium. Sie bringen die Sicht der Gesellschaft ein und entscheiden gemeinsam mit dem Richter. Schöffen machen das ehrenamtlich, also ohne Geld dafür zu bekommen. Sie werden für fünf Jahre gewählt. Warum es sie gibt, steht im Grundgesetz. Dort heißt es: Alle Staatsgewalt geht vom Volke aus. Also darf das Volk – in diesem Fall vertreten durch einzelne Menschen – auch mitentscheiden.

    Welche Personen gibt es noch im Gerichtssaal? Der Staatsanwalt vertritt den Staat. Er ermittelt bei Verdacht auf eine Straftat und bringt den Fall vor Gericht. Oft nennt man ihn auch „Ankläger“. Er soll nicht nur belastende, sondern auch entlastende Fakten suchen. In Filmen wirkt der Staatsanwalt manchmal sehr aggressiv, aber in Wirklichkeit hat er eine sachliche Aufgabe. Er soll helfen, die Wahrheit zu finden.

    Der Rechtsanwalt oder die Rechtsanwältin vertritt eine Partei. Das kann der Angeklagte sein oder auch ein Opfer. Anwälte beraten ihre Mandanten, erklären das Gesetz und sprechen vor Gericht für sie. Manchmal versuchen sie, einen guten Vergleich zu finden, damit es gar nicht zu einem langen Prozess kommt. In Deutschland darf jeder Beschuldigte einen Anwalt haben. Das ist ein wichtiges Recht. Wenn jemand kein Geld hat, kann er unter bestimmten Bedingungen Hilfe bekommen.

    Dann gibt es natürlich noch Zeugen. Die Zeugen sind Menschen, die die Tat gesehen haben oder den Angeklagten gut kennen. Sie dürfen nicht lügen und müssen alle Fragen korrekt beantworten. Allerdings wurde wissenschaftlich gezeigt, dass man den Aussagen von Zeugen nicht immer vertrauen kann. Gerade was das Aussehen eines Täters angeht, spielt uns da das Gedächtnis manchmal einen Streich.

    Es gibt übrigens verschiedene Arten von Gerichten. Strafgerichte beschäftigen sich mit Straftaten wie Diebstahl oder Betrug. Zivilgerichte entscheiden bei Streit über Verträge, Geld oder Nachbarschaftsprobleme. Verwaltungsgerichte befassen sich mit Konflikten zwischen Bürgern und dem Staat, zum Beispiel bei Bauprojekten.

    Machen wir es noch genauer. Fangen wir an beim Zivilrecht. Das sind also Streitigkeiten unter Bürgern. Zum Beispiel nach einem Verkehrsunfall oder bei einem Streit unter Nachbarn. Ich war damals bei der Zeitung wie gesagt am Amtsgericht. Das Amtsgericht ist zuständig für Streitigkeiten mit einem Wert bis 5000 Euro. Beim Landgericht geht es um Fälle über 5000 Euro Streitwert. Zwei höhere Instanzen sorgen dann für Überprüfungen oder Beschwerden. Dann gibt es noch Strafverfahren. Da geht es also nicht um Streitigkeiten, sondern zum Beispiel darum, dass die Polizei einen Täter gefasst hat. Zum Beispiel einen Einbrecher.

    Die Justiz arbeitet oft langsam. Viele Menschen klagen darüber. Verfahren können Monate oder sogar Jahre dauern. Das liegt an vielen Regeln, an sorgfältiger Prüfung und an der großen Zahl von Fällen. Und es ist auch ein Problem, dass es sehr viel Bürokratie in diesem Bereich gibt.

    Auch die Sprache im Gericht ist besonders. Sie ist oft kompliziert und schwer zu verstehen. Deshalb versuchen manche Gerichte heute, einfacher zu sprechen und besser zu erklären. Denn Gerechtigkeit funktioniert nur dann gut, wenn die Menschen auch verstehen, was passiert.

    Noch ein Wort möchte ich dir in diesem Zusammenhang beibringen: Bewährung. Angenommen, ein Mann steht vor Gericht. Dann gibt es mehrere Möglichkeiten, was passiert: Es kann einen Freispruch geben, wenn das Gericht ihn für nicht schuldig hält oder es nicht genügend Beweise gegen ihn gab. Er kann auch verurteilt werden zu einer Gefängnisstrafe. Gefängnis heißt korrekt Justizvollzugsanstalt. Und dann gibt es noch die Bewährung. Wenn die Freiheitsstrafe, also die Zeit im Gefängnis, unter zwei Jahren ist, kann das Gericht sie auf Bewährung aussetzen. Der Richter muss also überlegen, wie es mit dem Täter weitergeht. War es eine Tat, die er wahrscheinlich nicht wiederholen wird? Dann kann die Strafe auf Bewährung erfolgen. Das heißt: Er kommt nicht ins Gefängnis. Er darf aber auch nicht wieder etwas ähnliches machen, sonst muss er eben doch ins Gefängnis. Wenn der Täter auf Bewährung frei lebt, muss er sich an bestimmte Regeln halten.

    Mich hat besonders fasziniert, wenn Jugendliche vor Gericht standen. Die Richter waren in diesen Fällen sehr streng, aber auch verständnisvoll. Sie haben nicht versucht, zu bestrafen, sondern bei den Jugendlichen wirklich Verständnis für ihre Tat zu wecken. Damit sie es eben nicht wieder tun.

    Wahrscheinlich könnte man noch viel mehr zu diesem Thema sagen – aber die Folge ist jetzt schon lang. Ich hoffe jedenfalls, dass ihr nie mit dem Gericht in Konflikt kommt.

    Text der Episode als PDF: https://slowgerman.com/folgen/sg313kurz.pdf
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    Vorurteile / Stereotype über Deutschland – SG 312

    09-12-2025 | 8 Min.
    Wir alle haben Vorurteile oder Stereotype. Das bedeutet, dass man über andere Menschen denkt, sie seien alle gleich. Man glaubt also, etwas über eine ganze Gruppe zu wissen, obwohl man nur wenige Personen kennt. Stell dir zum Beispiel einen Franzosen vor. Was siehst du? Du siehst einen Mann in einem gestreiften Oberteil mit einer Baskenmütze auf dem Kopf und einem Baguette unter dem Arm, oder? Wenn’s geht spielt er noch Akkordeon. Das ist das typische Klischee eines Franzosen. Wobei ich sagen muss: Ich habe sehr gelacht, als ich diesen Sommer in Frankreich war. Denn dort hatten abends wirklich viele Menschen ein Baguette unter dem Arm!

    Vorurteile und Stereotype gab es schon immer. Früher reisten die Menschen viel weniger. Sie kannten andere Länder vor allem aus Erzählungen, aus Büchern oder von Händlern. Wenn jemand sagte: „Die Menschen in diesem Land sind so oder so“, glaubten das viele. So entstanden einfache Bilder im Kopf. Und viele halten sich bis heute.

    Überleg mal, wie für dich der typische Deutsche aussieht. Was er macht. Was er trinkt. Was er gerne isst. Na, hast du ein Bild vor Augen? Gehen wir es mal durch! Mal sehen, ob ich erraten habe, an welche Vorurteile du gerade gedacht hast.

    Ein bekanntes Vorurteil ist, dass alle Deutschen pünktlich sind. Es stimmt, dass Pünktlichkeit in Deutschland wichtig ist. Viele Menschen erwarten, dass Züge, Busse oder Verabredungen genau zur richtigen Zeit beginnen. Allerdings hat diese deutsche Charaktereigenschaft ein Problem: Sie passt nicht zur Deutschen Bahn. Die Deutsche Bahn ist leider bekannt dafür, dass sie ein Problem mit der Pünktlichkeit hat. Im Oktober 2025 hatte jeder zweite Fernzug in Deutschland Verspätung. Grund dafür sind viele Baustellen und das marode, also kaputte, Schienennetz.

    Ein weiteres Stereotyp ist, dass Deutsche sehr ernst sind und nicht viel lachen. Viele Besucher sagen, Deutsche seien höflich, aber distanziert. Auch dieses Bild stimmt nur teilweise. Es gibt Menschen, die ernst sind, aber auch viele, die gerne Witze machen oder fröhlich sind. Oft braucht man in Deutschland einfach etwas Zeit, bis man jemanden gut kennt. Danach öffnen sich viele Menschen und sind herzlich. Das heißt aber nicht, dass Deutsche unfreundlich sind. Es ist nur eine andere Art, mit neuen Personen umzugehen. Gibt es also deutschen Humor? Ich sage: Ja. Ich kann über Kabarettisten wie Jochen Malmsheimer oder Loriot wirklich Tränen lachen.

    Kommen wir dazu, wie Deutsche aussehen. Denkst du an Lederhose, Dirndl und Bierkrug? Viele Touristen denken noch heute, dass alle Deutschen so aussehen und jeden Tag Bier trinken. Dabei ist die Lederhose eine Tradition aus Bayern, also aus dem Süden des Landes. In vielen anderen deutschen Regionen trägt niemand solche Kleidung. Trotzdem ist die Lederhose weltweit ein Symbol für Deutschland geworden. Es ist ein gutes Beispiel dafür, wie ein kleiner Teil eines Landes plötzlich für das ganze Land steht. Kurios ist, dass manche Menschen aus dem Ausland bei ihrem Besuch in Berlin enttäuscht sind, weil dort kaum jemand eine Lederhose trägt. Sie hatten etwas anderes erwartet. Übrigens trinken die Menschen in vielen Regionen Deutschlands auch viel lieber Wein als Bier. Das kommt einfach darauf an, wo Weinberge existieren und wo eher Hopfengärten.

    Auch innerhalb Deutschlands gibt es Stereotype über bestimmte Regionen. Zum Beispiel sagt man über Menschen aus Norddeutschland, dass sie ruhig und wenig gesprächig sind. Über Menschen aus Süddeutschland sagt man, sie seien besonders gemütlich. Solche Vorurteile können unterhaltsam sein, wenn man sie nicht zu ernst nimmt. Problematisch werden sie, wenn Menschen andere nur nach solchen Bildern beurteilen.

    Viele Vorurteile entstehen, wenn man etwas nicht kennt oder wenn man Angst vor Neuem hat. Deshalb ist es wichtig, andere Menschen kennenzulernen und mit ihnen zu sprechen. Immer wieder nutzten politische Gruppen negative Stereotype, um Menschen zu trennen und zu verletzen. Heute versuchen viele Organisationen, Schulen und Projekte in Deutschland, über dieses Thema aufzuklären. Sie erklären, wie Stereotype entstehen und wie man sie erkennt.

    Ich finde es seltsam zu sehen, wie Deutsche in Filmen oder Serien dargestellt werden. Eigentlich reden sie alle wie Adolf Hitler, oder? Sie sind selten freundlich, sondern meistens eher die Bösen. Ach ja, und noch ein Stereotyp muss ich hier mal aus dem Weg schaffen: Ich esse höchstens ein Mal pro Jahr Sauerkraut.

    Jetzt bin ich aber vor allem gespannt, welche Vorurteile du über Deutschland hast. Oder gerne auch welche Vorurteile du früher hattest – aber jetzt nicht mehr! Schreib bitte in die Kommentare auf slowgerman.com!

    Text der Episode als PDF: https://slowgerman.com/folgen/sg312kurz.pdf
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    Ode an die Freude – SG 311

    25-11-2025 | 11 Min.
    Freude, schöner Götterfunken. Sagen dir diese Wörter etwas? Vielleicht nicht. Aber die Melodie, die damit verbunden wird, kennst du mit Sicherheit. Es ist das Lied, das wir heute als Europahymne kennen. Heute erzähle ich dir mehr über dieses wichtige Stück klassischer Musik.

    Der Text stammt von Friedrich Schiller. Er schrieb das Gedicht „An die Freude“ im Jahr 1785. Später überarbeitete er es noch einmal. Schiller war damals schon ein berühmter Dichter. Er liebte große Themen wie Freiheit, Freundschaft und Menschlichkeit. In der Ode „An die Freude“ wollte er zeigen, dass alle Menschen Brüder und Schwestern sind und zusammenhalten sollten.

    Viele Jahre später entdeckte ein anderer sehr berühmter Mann dieses Gedicht für sich: der Komponist Ludwig van Beethoven. Er war fasziniert von Schillers Worten. Beethoven war selbst ein Mensch, der stark an die Kraft der Freiheit glaubte. Außerdem bewunderte er Schiller, weil dieser Mut zeigte und über wichtige gesellschaftliche Fragen schrieb. Beethoven wollte schon lange ein großes Musikstück schaffen, das die Idee von Gemeinschaft und Humanität ausdrückt. Als er die Ode „An die Freude“ las, wusste er, dass er diese Worte eines Tages vertonen würde.

    Beethoven arbeitete viele Jahre an seiner Neunten Sinfonie. Als sie im Jahr 1824 in Wien uraufgeführt wurde, war Beethoven schon völlig taub. Er stand trotzdem am Dirigentenpult, obwohl er die Musik nicht mehr hören konnte. Am Ende des Konzerts sah er, dass die Menschen ihm begeistert applaudierten. Viele standen sogar auf. Die 9. Sinfonie war also von Anfang an ein großer Erfolg.

    Der berühmte Chor mit dem Text der „Ode an die Freude“ erklingt im letzten Satz der Neunten Sinfonie. Für damalige Zeit war das etwas Besonderes. Eine Sinfonie mit einem Chor war ungewohnt. Heute gilt die Neunte Sinfonie als Meisterwerk. Der Chor mit der „Ode an die Freude“ ist der bekannteste Teil.

    Interessant fand ich zu lesen, dass Schiller selbst sein Gedicht später gar nicht mehr so mochte. Er hatte das Gefühl, es sei zu übertrieben und zu pathetisch. Er hätte wahrscheinlich nie gedacht, dass seine Worte einmal von Millionen Menschen auf der ganzen Welt gesungen würden. Auch Beethoven wusste natürlich nicht, wie populär seine Musik einmal werden würde. Niemand konnte ahnen, dass seine Melodie Jahrhunderte später bei Sportereignissen, Konzerten und sogar auf Klingeltönen von Handys landen würde. Ich überlege oft, wie die längst verstorbenen Künstler es wohl empfinden würden, wenn sie ihren heutigen Erfolg sehen könnten. Gerade erst war ich in einem ausverkauften Rachmaninow-Konzert. Und das war ja ein Mann, der sehr an sich gezweifelt hat. Aber zurück zu Schiller und Beethoven. Denn die Geschichte dieses Stückes geht ja noch viel weiter.

    Ein besonders wichtiger Moment in der Geschichte der „Ode an die Freude“ war nämlich das Jahr 1972. In diesem Jahr wurde die Melodie zur offiziellen Hymne des Europarats gewählt. Später, 1985, wurde sie auch die Hymne der Europäischen Gemeinschaft, aus der später die Europäische Union wurde. Das Besondere daran: Für diese Hymne wird nur die Musik verwendet. Es wird nicht gesungen. Man wollte damit zeigen, dass Europa viele Sprachen und Kulturen hat. Die Melodie steht für gemeinsame Werte, ohne eine Sprache zu bevorzugen.

    Ich muss dir noch etwas erzählen, was ich selber gar nicht wusste. Ich habe es erst erfahren, als ich für diese Episode recherchiert habe: Die Melodie wurde in Japan zu einem Winterhit! Dort singen große Chöre jedes Jahr zum Jahresende Beethovens Neunte. Manche dieser Chöre bestehen aus mehreren Tausend Sängerinnen und Sängern. In Japan ist die Neunte so beliebt, dass einige Menschen sie sogar „Daiku“ nennen. Das bedeutet „Nummer Neun“. Wie genau diese Tradition entstanden ist, ist nicht ganz klar. Ich habe auf der Seite der BBC gelesen, dass diese Tradition im Ersten Weltkrieg entstanden sein soll. Damals gab es ein Kriegsgefangenenlager in Japan und dort waren deutsche Soldaten interniert. Und diese Soldaten spielten oft Musik, eben auch Beethovens Neunte. Nach dem Kriegsende gaben sie ein Konzert außerhalb des Gefängnisses. Das Stück wurde über die Jahre beliebter in Japan und 1940 wurde es bei einer Neujahrsaufführung gespielt. Auf der Seite slowgerman.com habe ich den Link zu einem Video für dich von 10.000 Sängerinnen und Sängern in Japan!

    Mich hat es daran erinnert, dass ich als Kind mit meinen Eltern und Verwandten im Hollywood Bowl war. Dort gab es auch ein Konzert der „Ode an die Freude“, und meine Mutter und ich haben uns damals eher amüsiert. Denn die amerikanischen Sängerinnen und Sänger hatten nicht so ordentlich an ihrer Aussprache gearbeitet wie die aus Japan und es klang für uns einfach lustig, wie sie die deutschen Wörter aussprachen.

    Dennoch finde ich es natürlich faszinierend, dass Menschen auf der ganzen Welt diese Melodie lieben und sogar den deutschen Text singen können! Noch ein paar Worte zum Text: Sei nicht frustriert, wenn du ihn nicht verstehst. Es ist Lyrik. Und es ist alt. Es ist auch für mich nicht alles gut zu verstehen. Die Freude ist zum Beispiel eine „Tochter aus Elysium“, also aus dem Paradies der Götter.

    Dann schreibt Schiller: „Alle Menschen werden Brüder“. Dieser Gedanke war zur Entstehungszeit ziemlich radikal. Die Gesellschaft war streng in Klassen eingeteilt. Manche Menschen hatten viele Rechte, andere sehr wenige. Schiller stellte diese Ordnung mit seinem Gedicht offen in Frage. Für einen Dichter im 18. Jahrhundert war das mutig. Dass dieser Satz heute zu den berühmtesten Zeilen deutscher Dichtung gehört, zeigt, wie stark seine Wirkung ist. Und er ist leider nach wie vor aktuell, denn wir sind lange noch nicht an dem Punkt, an dem alle Menschen gleich sind.

    Das alles wollte ich dir erzählen, in dieser Zeit der Krisen und Kriege. Wir müssen versuchen, Hoffnung zu haben. Anderen Menschen zu vertrauen. Wir sind alle Menschen auf der gleichen Erde. Es wird Zeit, dass wir gemeinsam leben und nicht gegeneinander kämpfen. Schön pathetisch, oder? Muss auch mal sein.

    Text der Episode als PDF: https://slowgerman.com/folgen/sg311kurz.pdf

    Hier gibt es eine englische Übersetzung der Episode von Kevin: https://inter-linear.blogspot.com/2025/12/ode-die-freude-de-en.html?m=1

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Over Slow German

In this podcast, German podcaster Annik Rubens talks slowly about topics of everyday German life, from beergardens to recycling. More information and Premium Podcast with learning materials on Slow German at www.slowgerman.com. You can read the complete transcript of each episode on this internet-site or in the ID3-Tags.
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